Pilgern 2

Pilgern:Beten mit den Füßen

Von:
Hildegard Müller-Brünker

Pilgern ist multireligiös

In allen Weltreligionen gibt es die Tradition des Pilgerns. Christ*innen, Jüd*innen, Hinduist*innen, Muslime machen sich auf den Weg, um mit ihrem Gott neu oder vertiefend in Beziehung zu kommen. Menschen spüren eine Sehnsucht nach einem „Mehr“, dem „Magis“ – und so ist das Pilgern neben der Suche nach Gott auch immer eine Reise zu sich selbst.

Pilgern ist international

Jedes Land hat einen bekannten Ort, an den es Pilger*innen hinzieht. Im Mittelalter waren es die Städte Rom, Jerusalem und Santiago de Compostella. Auch Köln entwickelte sich zu einem beliebten Ziel, seit dort die Gebeine der Heiligen Drei Könige im Dom ruhen. Heute sind es Wallfahrtsorte, die oftmals auf Marienerscheinungen zurückgehen: Lourdes in Frankreich oder Fatima in Portugal. In Kevelaer am Niederrhein oder in Neviges werden Mariendarstellungen verehrt. Daneben gibt es noch viele kleinere Orte, die insbesondere regional eine Bedeutung haben. 

Pilgern

Pilgern ist „in“

Pilgern ist „in“, nicht erst seit einem Bestseller eines Komikers, der überraschend tiefsinnig ist. Der Jakobsweg ist seit Jahren fast schon überlaufen und die großen Wallfahrtsorte werden gerne besucht. Und seit einigen Jahren ist die Tradition auch in Köln durch die Dreikönigswallfahrt zum Dom jeweils im Herbst wiederbelebt.

Der Mai ist beliebt als Wallfahrtsmonat zu Marienorten. Und in der Woche mit dem Feiertag Christi Himmelfahrt ist traditionell die Fuß-Wallfahrt nach Trier zum einzigen Apostelgrab nördlich der Alpen, zum Heiligen Matthias.

Spirale, Juli 2012

Pilgern ist heute wieder das, was Hippocrates, der berühmte Arzt der Antike, mit dem Zitat "Gehen ist des Menschen beste Medizin" verdeutlicht

Bewegung für Leib, Geist und Seele. Dabei kann das Pilgern helfen, auch wenn es nicht unbedingt ausschließlich religiös motiviert ist. Die Suche oder Sehnsucht der Menschen nach Ganzheit, Einfachheit, vielleicht dem Hamsterrad des immer schneller, weiter, besser und mehr zu entkommen. Zu Fuß unterwegs zu sein, bedeutet entschleunigen, Ballast abzuwerfen, sich durcheinander bringen zu lassen, um wieder klarer sehen und sich neu zu orientieren können. Pilgern ist wie ein Kompass, das Ein oder Andere im Leben in Frage zu stellen und dem Leben eine neue Richtung zu geben. Neue Wege einzuschlagen, heißt auch, alte zu verlassen, sich auf Ungewohntes, Fremdes einzulassen. Auf dem Weg sein, Gast oder Fremde/Fremder zu sein (vom lat. pergere > fremd sein), sich mit sich selbst auseinander zu setzen. 

Unterwegssein und Ankommen bei sich und damit bei Gott und den Menschen. 

Im Buch Genesis (dem ersten unserer Hl. Schrift) ziehen die Menschen auf Gottes Geheiß in das gelobte Land. Gott lässt sich nicht festmachen, Gott ist nicht gebunden an einen Ort, sondern immer und überall mit den Menschen unterwegs. 

Auch Abraham und Sara werden sich vielleicht die Frage gestellt haben, warum sollen wir uns auf den Weg machen?  Was haben wir davon, uns auf diesen Gott einzulassen? Was gibt uns Kraft, an die Verheißung zu glauben? 

Gott lässt nicht locker, bleibt am Menschen dran. Die Antwort auf ihre Fragen bekommen Abraham und Sara nicht einfach so, sondern sie müssen sich einlassen auf den Weg mit Gott, sich quasi die Antwort ‚erpilgern’.