Die Posaune Gottes erschallt

Hildegard von Bingen und ihre Predigt am Kölner Dom 1163

Es gibt eine berühmt gewordene Predigt von Hildegard von Bingen. Darin hat sie tatsächlich dem Kölner Klerus die Leviten gelesen und ein Dekan bittet sie noch einmal darum, aufzuschreiben, was sie gesagt hat. Wie beeindruckt muss man von dieser Frau gewesen sein! Wir wissen nicht genau, wo Hildegard 1163 gesprochen hat – zu ihrer Zeit hat es den gotischen Bau wie wir ihn heute kennen, noch nicht gegeben, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass sie es dort an Ort und Stelle getan hat.


Die kfd im Erzbistum Köln fühlt sich mit der Heiligen und Kirchenlehrerin eng verbunden. Vor Jahren hat sie sich einer Aktion der kfd auf Bundesebene angeschlossen, die sich für die Heiligsprechung dieser bedeutenden Mystikerin einsetzte. Und 900 Jahre nach ihrer Geburt, 1998, hat die kfd erstmals zum FrauenWort im Dom eingeladen. Drei renommierte Theologinnen haben in einer Predigtreihe damals in ihren Ansprachen die Brücke von Hildegard zum Leben von Frauen heute geschlagen und bis heute steht die Heilige immer wieder im Mittelpunkt von spirituellen Angeboten der kfd.

Der Dekan Philipp von Köln schreibt an die ehrwürdige Hildegard

Warum nun wollte Dekan Philipp Hildegards Predigt auch noch schriftlich? Wir gehen zurück in das Jahr 1163, in Köln wurden im August fünf Katharer beim Judenkirchhof auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Sie glaubten, dass die materielle Welt vom Teufel stammt, die es zu überwinden galt, damit die Seele im Jenseits erlöst würde. Die Anhänger und Anhängerinnen dieser manichäischen Sekte ließen sich damals auch in anderen Städten entlang des Rheins nieder. Vornehmlich hatten sie sich in Frankreich ausgebreitet.  Es waren unruhige Zeiten in Köln, was die rechtgläubige Lehre der Kirche anbelangte. Der damalige Dekan Philipp von Köln schrieb in diesem Jahr einen   Brief an die ehrwürdige Hildegard von St. Rupert in Bingen. Dort äußerte er folgende Bitte: „Wir bitten ebenfalls, das uns früher mündlich Gesagte auch schriftlich niederzulegen und zu übersenden.“  

Den Brief gibt es immer noch

Der Dekan verlangte nach der Predigt, die Hildegard am Dom zu Köln vor dem Klerus und dem Volk in diesem Jahr gehalten hatte. Er wollte sie allem Anschein nach schriftlich vorliegen haben. Hildegard kam dieser Bitte nach und sandte ihm die Predigt in einem Brief zu, der bis heute überliefert ist. (Brief Nr.15R: Hildegard an die Hirten der Kirche).

Hildegards Visionen werden von Papst Eugen III. erkannt

Aber wie kam es überhaupt dazu, dass Hildegard von Bingen predigte und das sogar vom Klerus erbeten wurde?  In dem Teil ihrer Vita, die vom Mönch Theoderich aus Echternach verfasst wurde, werden ihre Predigtreisen als „vom Heiligen Geist angetrieben“ beschrieben. Hildegard von Bingen handelte vom damaligen Verständnis aus betrachtet im Auftrag Gottes. Sie hatte 1147 von Papst Eugen III. die Erlaubnis erhalten, ihre Visionen zu veröffentlichen, da er sie als echt anerkannte. 

Der Erzbischof Arnold von Köln bittet Hildegard um ein Buch

Und das war auch der Grund dafür, dass Bischöfe und Priester ihre Schriften lesen wollten. Erzbischof Arnold von Köln beispielsweise bat Hildegard in einem Brief um das Buch von ihr, das sie „vom göttlichen Geist inspiriert“ geschrieben habe. Es sei ihnen ein Bedürfnis, Gottes „Wundertaten darin zu schauen“.  Hildegard übersandte ihm ihre Aufzeichnungen mit der Mitteilung: „Sie enthalten nichts von menschlichem Geist und meinem eigenen Wollen, sondern was das unvergängliche Licht durch seine Gestaltung und in diesen Worten offenbaren wollte, wie es ihm gefiel.“

Hildegards Selbstverständnis als Prophetin

Vor diesem Hintergrund scheint es gar nicht so befremdlich zu sein, dass Hildegard, schon älter geworden, dem Klerus Predigten hielt und damit damalige Missstände bekämpfen wollte. Sie verfügte über ein hohes Maß an geistlicher Autorität und verstand sich selbst als legitimierte Prophetin, als Posaune Gottes, wie sie sich selbst bezeichnete.

Die ersten beiden Predigtreisen 

Schauen wir uns an, welche Predigtreisen Hildegard antrat. Ihre erste Reise führte sie in die Mainregion in den Jahren um 1158. Wir müssen annehmen, dass sie dort auf einem Schiff unterwegs war und auf dem Rhein nach Mainz und von dort aus auf dem Main weiter nach Würzburg und Bamberg reiste.  Eine zweite Reise machte sie 1160 um Pfingsten herum, die sie in die Moselregion nach Trier brachte. Von Trier aus muss sie sich nach Metz begeben haben.

Die letzten beiden Predigtreisen

Die für uns interessante dritte Reise machte sie in den Jahren 1161 bis 1163 ins Rheinland. Bevor sie in Köln ankam, hat sie sich vermutlich in Boppard, Andernach und Siegburg aufgehalten. In der letzten und vierten ihrer Reisen hat sie die Reise nach Schwaben angetreten, wo sie von 1170 bis 1171 blieb. Dem schlossen sich Aufenthalte in Kirchheim und der alten Abtei Hirsau an. Zum damaligen Zeitpunkt war sie schon über 70 Jahre alt. Das Unterwegssein muss sehr anstrengend und kräftezehrend gewesen sein.

Die Predigt am Dom zu Köln – worum ging es?

Doch was war der konkrete Inhalt von Hildegards Predigt am Kölner Dom? Zunächst einmal hatten alle ihre Predigten mitunter einen lehrhaften Charakter, wobei ihre Lehre zuweilen ganz einfach war. Sie ging auf die Inhalte des Alten Testamentes ein und beschrieb die Erfüllung dieser Offenbarungen im Neuen Testament. Ihre Ansprachen waren zudem sehr leidenschaftlich. In der Kölner Predigt hielt sie den Angehörigen des Klerus ihre Verfehlungen vor Augen und redete ihnen heftig ins Gewissen, so würden wir es heute vielleicht beschreiben. Ohne Zweifel war es damals ein großes Ereignis, dass die Visionärin als Predigerin auftrat und so wundert es nicht, dass die Leute sich in Scharen zum Dom aufmachten, um bei diesem Event dabei zu sein.  

Hildegard war nie allein

Brigitte Riebe hat in ihrem Roman ‚Die Prophetin vom Rhein‘ die Situation 1163 vor dem Kölner Dom (auf Seite 517): „Der Platz vor dem Dom war schwarz von Menschen. (…) Hildegard räusperte sich, dann begann sie zu reden: „Der da war und Der Kommen wird, spricht zu den Hirten der Kirche: Geliebte Söhne, die ihr nach der ausdrücklichen Weisung des Herrenwortes Meine Herde weidet, warum schämt ihr euch nicht, während doch alle anderen Kreaturen die Vorschriften, die sie von ihrem Meister haben, nicht vernachlässigen, sondern erfüllen? (…) Dann wurde sie plötzlich von einem Schwindelgefühl ergriffen. Doch sie kämpfte dagegen an und überwand es schließlich nach ein paar Atemzügen. Sie war nicht allein. Und ihr stärkster Verbündeter, das Lebendige Licht, ließ die Worte ungehindert auf ihre Zunge strömen.“

Die Mystikerin nimmt kein Blatt vor den Mund

Und wie sie strömten, ihre Worte, damals vor dem Dom … die Hirten der Kirche sind zu träge geworden, so wettert Hildegard, ihre Zungen „sind stumm angesichts der lauten Stimme der tönenden Trompete des Herrn.“ Aus leichtfertigem Eigenwillen gingen sie ihrer Aufgabe nicht nach, die Gerechtigkeit Gottes unter den Menschen zu verkünden. Sie scheut auch nicht davor zurück, den Klerus als „faules Volk“ zu bezeichnen, das sich auf „Abscheulichkeiten einlässt“, wie „gemeines Vieh“. Sie, die Geweihten, sähen Gott nicht mehr und täten alles nach dem eigenen Belieben, ihr „geschwätziges Getue“ verscheuche nunmehr gelegentlich „Sommerfliegen. Vom Feuer des heiligen Geistes geschaffen, sollten sie tragende „Eckpfeiler“ der Kirche sein, sie aber seien niedergestreckt und flöhen in die Höhlen ihrer Lust. Ihr „ekelhafter Reichtum und die Habsucht“ führten dazu, dass sie die ihnen Untergebenen nicht mehr belehrten.

Hildegard im Kampf gegen die Katharer

Gleichzeitig ging Hildegard in ihrer Predigt auf das Unheil für die Kirche ein, das sie in den Katharern erkannte.  Sie hielt sie für ‚Wölfe im Schafspelz‘, welche die Menschen in ihrem tugendhaften Verhalten blendeten und verführten. In Wirklichkeit stünde aber nicht Gott, sondern der Satan hinter diesen Männern und ihrer dualistischen Lehre. Sie warnte besonders die Frauen davor, sich diesen Männern anzuschließen. Sie würden nicht nur als Verführungsobjekte von ihnen verachtet, sondern gleichzeitig auch sexuell missbraucht.Sie schließt ihre Predigt mit dem Appell, die Katharer aus der Stadt zu vertreiben. „Der Heilige Geist sagt euch: Seht in eure Stadt und eure Region und vertreibt weit von Euch jene Menschen, die schlechter sind als Juden und den Sadduzäern ähnlich, so lange sie unter Euch bleiben, könnt Ihr nicht geschützt werden.“

Philipp von Köln gibt Hildegard eine Rückmeldung

Philipp von Köln schreibt im Verlauf des Jahres einen weiteren Brief an Hildegard und gibt ihr darin eine Rückmeldung zu ihrer Predigt am Dom. Daraus geht hervor, dass sie sehr schwach und kränklich auf Publikum am Kölner Dom wirkte. Er schreibt: „Daher kommt es, heißersehnte Mutter, daß – als sich dieses Jahr die Gelegenheit, vorbeizukommen und die Gnade, dich zu sehen bot – die Krankheit und Schwäche deines Leibes mein und vieler dich in Christus liebender Landsleute Herz in Aufregung versetzte und erschütterte; wünschten wir doch stets für dein Leben Wohlbefinden und ewiges wahres Heil.“ Gleichzeitig bittet der Erzbischof darum, Hildegard möge ihnen auch weiterhin „Worte der Ermahnung schicken“ wie sie ihr von Gott verliehen werden. Denn, so beendet der Erzbischof seinen Brief, „in verborgener Weisheit und in einem versteckten Schatz liegt kein Nutzen. Lebe wohl!“
Elisabeth Glotzbach

Zum Weiterlesen

  • Brigitte Riebe, Die Prophetin vom Rhein, Roman, Diana Verlag, 2011, 559 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3-453-35499-9, 9,99 €
  • Barbara Beuys, Denn ich bin krank vor Liebe, Das Leben der Hildegard von Bingen, Biographie, Insel Verlag, 3. Auflage 2009, 375 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3-458-35167-2, 12,90 €
  • Christian Feldmann, Hildegard von Bingen, Nonne und Genie, Biographie, Herder Verlag, 2012, 278 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3-451-06539-2, 9,99 €
  • Die Predigt von Hildegard von Bingen an den Kölner Klerus ist zu finden in: Hildegard von Bingen, Im Feuer der Taube. Die Briefe, Erste vollständige Ausgabe, übersetzt und herausgegeben von Walburga Storch OSB. Pattloch Verlag, Augsburg 1997, 639 Seiten, gebundene Ausgabe, ISBN 978-3-629- 00885-5, antiquarisch oder in Bibliotheken erhältlich. Darin ist auch der im Text erwähnte Brief „Brief Nr.15R: Hildegard an die Hirten der Kirche“ enthalten.

Foto: Abtei St. Hildegard/Rüdesheim-Eibingen