#MachtLichtAn mobilisiert

Wir lieben diese Kirche und sie muss sich endlich ändern

Köln. 27.2.2019 Die Aktion #MachtLichtAn geht weiter. Mehr als 20 Gruppen aus dem kfd-Diözesanverband Köln haben sich daran beteiligt und Mitte Dezember die Klageandacht mit vielen Gläubigen vor ihrer Pfarrkirche gebetet und symbolisch Taschenlampen auf die Kirchentür gerichtet.  An 170 Orten in ganz Deutschland wurde diese Andacht gehalten. Viele kfd-Mitglieder aus dem Diözesanverband Köln haben sich auch an der damit verbundenen Postkartenaktion beteiligt.


Dann hat der kfd-Bundesverband einen Offenen Brief an Papst Franziskus geschrieben. Anlass war die Antimissbrauchs-Konferenz mit Bischöfen aus aller Welt, die am Sonntag zu Ende gegangen ist. Auch wenn der deutschen Kirche vom Missbrauchsbeauftragen der Bundesregierung bescheinigt wird, so ist das Ziel von #MachtLichtAn längst nicht erreicht.  Am 11. März wird der kfd-Bundesverband in Lingen fast 30 000 Postkarten, mit denen sich die Menschen den Forderungen der kfd für eine Erneuerung der Kirche anschließen, an den Bischof von Osnabrück, Franz-Josef Bode übergeben: Dass sich die Machtstrukturen in der Kirche ändern, der sexuelle Missbrauch lückenlos aufgeklärt wird und sich die Sexualmoral ändert.

Wir wollen uns nicht schämen müssen

„Wir erleben als Katholikinnen, wie wir in Mithaftung genommen werden für das, was geschieht. Wir wollen uns nicht schämen müssen für diese Kirche, wir wollen doch Teil davon sein.“ So wird das Engagement in den Gruppen vor Ort oft begründet.

Nichts darf verschwiegen werden

Dazu kam das Gefühl „Man muss doch etwas tun!“. Es trieb viele an, die sich an der Aktion beteiligt haben. So wie Elisabeth Beckers, die Teamsprecherin der kfd St. Martinus in Niederpleis. „Ich finde, es wichtig, dass nichts mehr weiter verschwiegen wird.“ Die große Mehrheit der kfd-Mitglieder in Niederpleis ist dieser Meinung, da ist sie sicher.

kfd-Mitglieder zeigen ihre Empörung

„Viele kfd-Mitglieder haben gedacht, da muss jetzt was passieren und die Art der Aktion hat es leicht gemacht, dabei zu sein, wenn etwas passiert. Sie können ihre Empörung zeigen.“
Der Erfolg gibt ihr Recht, ungefähr 50 Gläubige haben am 12. Dezember vor dem Portal von St. Martinus an der Klageandacht teilgenommen, darunter auch Männer und Frauen, die nicht Mitglied der kfd sind. Der Rückhalt für die Aktion im Seelsorgeteam des Seelsorgebereiches St. Augustin war groß, die Andacht wurde im Gottesdienst angekündigt und auch der leitende Pfarrer Peter Emontzpohl stand mit draußen vor Tür. Sonst kommen zu den Wortgottesfeiern mal fünf Gläubige, mal zwanzig.

Die Menschen sind immer noch mit Gott verbunden

Vor St. Josef in Bonn-Beuel stand die Kirchenzeitung und das katholische online-Magazin katholisch.de mit vor der Tür – wie überhaupt die Aktion bundesweit ihr Echo bis in die Süddeutsche Zeitung fand. Die Aktion selbst war schnell organisiert, dank der Vorbereitungen des Bundesverbandes, sagt Petra Orth, die Teamsprecherin dieser kfd. Und doch war sie auch ein wenig überrascht, wie viele Menschen gekommen sind. Denn es war sehr, sehr kalt an diesem Dezemberabend. Fünf Grad über Null und ein scharfer Wind haben aber auch hier 50 Gläubige nicht davon abhalten können zu kommen. Für die kfd-Frau Petra Orth ein Zeichen dafür, „dass die Menschen mit Gott verbunden sind und immer noch auch mit ihrer Kirche.“

Wir lieben unsere Kirche – schreibt Mechthild Heil

Die Treue zur Kirche zeichnet viele der Beteiligten aus – im Offenen Brief an Papst Franziskus schrieb Bundesvorsitzende Mechthild Heil: „In unserer Kirche, die wir so sehr lieben und an der wir allen Widrigkeiten zum Trotz als Frauen festhalten wollen, hat Machtmissbrauch keinen Platz.“ „Wir glauben ja schließlich nicht an die Amtskirche, wir glauben an Gott“, sagt auch Petra Orth.

1200 Unterschriften in Langenberg gesammelt

Um die Frauen in der Kirche, darum sorgte sich auch das elfköpfige Leitungsteam der kfd St. Michael in Langenberg, einem Stadtteil von Velbert. Hier hat man schon vor dem Aufruf zur bundesweiten Aktion #MachtLichtAn“ eine außerordentlich erfolgreiche Unterschriftenaktion für einen lückenlose Aufklärung der Missbrauchsfälle gestartet. „Wir tun uns sowieso schon schwer mit der Institution Kirche, aber unsere Gemeinde und unsere Frauen sind uns wichtig, der christliche Glaube steht nicht zur Diskussion“, erklärt Annette Sonnenschein die Stimmung in ihrer kfd-Gruppe.

Auch kfd-Frauen überlegten, aus der Kirche auszutreten

Die Ergebnisse der Missbrauchsstudie, die im Herbst von der Bischofskonferenz veröffentlicht wurde, sorgten für Entsetzen in dieser kfd-Gruppe, der allgemeine Tenor: „Um Gottes willen, machen die denn jetzt nicht mehr?“ und „Man muss doch etwas tun.“ „Tatsächlich“ – so sagt Annette Sonnenschein, die zusammen mit Dagmar Lux dann zum Gesicht der Unterschriftenaktion wurde, „haben viele Frauen überlegt, aus der Kirche auszutreten. Das wurde intensiv diskutiert.“ Dann wurde die Idee geboren, eine Unterschriftenaktion zu organisieren.

Nullkommanull Reaktion von Pastören und Kaplänen

Vier Wochen lang haben die Frauen in Langenberg Unterschriften gesammelt, 1200 kamen zusammen – in einem Ort, der 15.500 Einwohner hat ein wirklich stolzes Ergebnis. Was sie sich gewünscht hätte: Unterstützung von Pastören und Kaplänen ihrer Gemeinden. „Nullkommanull Reaktion“ gab es von dieser Seite. „Das ist schon auffällig“, findet sie, auch wenn sie nachvollziehen kann, dass man nicht in einen Topf geworfen werden möchte mit denjenigen, die die Verbrechen begangen haben.

Schweigemarsch in Lingen geplant

Die Unterschriften haben die Langenberger kfd-Frauen Brigitte Vielhaus, der Bundesgeschäftsführerin, übergeben und die nimmt sie mit nach Lingen zur Vollversammlung der Deutschen Bischöfe am 11. März. Annette Sonnenschein und Gudrun Lux wollen mit dabei sein und auch beim Schweigemarsch des Diözesanverbandes Osnabrück vor dem Eröffnungsgottesdienst zur Bischofskonferenz in St. Bonifatius der Konferenz mitgehen.

Aktion ist ein Ventil für die Wut und die Hoffnung gleichzeitig

Brigitte Vielhaus ist überzeugt davon, dass die Aktion #MachtLichtAn so erfolgreich war, weil es gelungen ist, die Spannung zwischen Glauben, Gebet und Kritik aufzubrechen. „Es gibt gute Gründe in der Kirche zu bleiben: Die Glaubens- und Wertegemeinschaft“, sagt sie. „Wir haben eine große Verantwortung – denn wenn alle gehen, was ist dann?“ fragt sie. Die Aktion war „ein Ventil für die Wut und die Frustration, die sich schon lange aufgebaut haben und die Hoffnung, denn wir wollen nicht aufgeben“.

Wird sich die Kirche erneuern (können)?

Und wie sind die Reaktionen derer, die nun die deutsche Kirche erneuern sollen? Kardinal Woelki wird im Kölner Domradio mit den offenen Worten zitiert, die Kirche habe versagt und die Zeit des Leugnens sei vorbei. Es wird die Übergabe der Postkarten an den Osnabrücker Bischof Bode geben, der als einer der Reformer in der Bischofskonferenz gilt. Ein Tagesordnungspunkt auf der Vollversammlung der Bischöfe zu werden ist auch eine Art Erfolg für die kfd, wenn man weiß, wie voll die Tagesordnung ist und wer alles noch mit darauf will mit seinen Anliegen.

Einige Bischöfe unterstützen die kfd-Aktion

Auch haben sich zwei Bischöfe, Bischof Ackermann aus Trier und Bischöf Bätz Limburg, an den Andachten beteiligt und der Erzbischof von Freiburg, Stefan Burger hat die Forderungen angenommen und erste Schritte angekündigt. Heiner Koch, Erzbischof von Berlin, früherer Kölner Weihbischof und Diözesanpräses der kfd, hat, wie es heißt, eine renommierte Kanzlei beauftragt, den Kontakt zur Justiz zu halten.

Es bleiben große Zweifel

Können also die Zweifel und der Eindruck, es hätten immer noch zu wenige Würdenträger verstanden, wie ernst die Situation in der deutschen Kirche ist, ausgeräumt werden? kfd-Bundesvorsitzende Mechthild Heil hat jedenfalls mit Besorgnis auf die Schlussrede von Papst Franziskus beim Missbrauchsgipfel im Vatikan am Sonntag reagiert. „Die katholische Kirche muss sehr aufpassen, nicht ihre letzten Chancen auf Glaubwürdigkeit und Zukunftsfähigkeit zu verspielen“, heißt es zu den Geschehnissen in Rom.

Sabine Schleiden-Hecking

Fotos von Beate Behrendt-Weiß, Anne Orthen und Andreas Würbel