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    Sorgte für lebhafte Diskussion: Referent Dr. Martin Breul, Religionsphilosoph und Fundamentaltheologe.
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    In kleinen Arbeitsgruppen beschäftigten sich die Delegierten mit Texten über Religion und Politik.
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    Kornelia Fehndrich vom Stadtdekanat Düsseldorf begründet ihr politisches Engagement für den Equal Pay Day mit ihrer christlichen Verantwortung.
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    Politisches Engagement: kfd-Mitglieder beim Equal Pay Day 2016 in Köln.
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    Wurden für ihr Engagement in der Flüchtlingsarbeit von der kfd-Stiftung ausgezeichnet: kfd-Mitglieder bei der Preisverleihung 2015.

Ich zeige mich als Christin

Die Chancen von Religion für Gesellschaft und Politik

7.11.2016 „Die Menschen sollen spüren, dass wir Christinnen sind – unsere Haltung  spricht dafür und aus diesem Selbstverständnis heraus handeln wir“: Mit diesem Fazit ging der Studienteil der diesjährigen Delegiertenversammlung in Bensberg zu Ende. „Deshalb stellen wir uns der Verantwortung und nehmen die Herausforderungen an, die sich aus politischem Engagement ergeben, sagte Diözesanvorsitzende Lydia Wallraf-Klünter.


Unter der Überschrift „Ich zeige mich als Christin“ hatte der Religionsphilosoph und Fundamentaltheologe Dr. Martin Breul, Universität Köln, seine Überlegungen zum Verhältnis von Religion und Öffentlichkeit vorgestellt.

Sorge über die menschenverachtenden Tendenzen

Anlass dafü, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und den Delegierten vorzulegen, war einerseits die „ernste Sorge über die zunehmenden menschenverachtenden Tendenzen in unserer Gesellschaft und die immer dreistere Taktik neonazistischer  Kreise, sich mit Lügen und Aufwiegelung Zustimmung zu verschaffen,“ wie es Diözesanvorsitzende Lydia Wallraf-Klünter formulierte. Andererseits war esaber auch die Beobachtung, dass auch aktive Katholikinnen wie kfd-Mitglieder sich oft schwer tun, über ihre Religion öffentlich zu sprechen und sich darauf in ihrem Handeln zu beziehen.

Herausforderung für eine öffentliche Religion

Breul zeigte anhand konkreter Beispiele wie Religion als Mittel zum Zweck missbraucht werden kann. Das sei eine der Herausforderungen unserer Zeit. Wenn Religion öffentlich ist und bei der Lösung von politischen und gesellschaftlichen Fragen eine Rolle spielen soll, müsse diese gemeistert werden.

Deckmäntelchen Glaube für antidemokratische Ziele

So nannte er den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Trump, der sich mit entsprechender Symbolik und Sprache an die starken, weißen evangelikalen Kräfte richtet, um die Wahlen zu gewinnen. Oder wies auf das bei den rechtspopulistischen Pegida-Demonstrationen häufig gezeugte Kreuz in den Deutschlandfarben hin.

Religion ist eine wichtige Quelle gesellschaftlicher Solidarität

Eine Gesellschaft jedoch, die keinen Rückhalt auch in religiösen Überzeugungen hat, steuert im Gegenteil auf eine Vereinzelung des Menschen zu, die kein gelungenes Leben mehr ermöglicht, weil Glück nur noch mit wirtschaftlichen Maßstäben gemessen wird. Breul bezog sich damit auch auf den Sozialphilosophen Jürgen Habermas, der der Religion eine wichtige Rolle zumisst, weil sie einer Entpolitisierung  entgegenwirke und wesentliche Impulse für die Demokratie setze. Die Religion, so Breul, „ist eine Quelle gesellschaftlicher Solidarität, auf die eine Gesellschaft nicht verzichten kann.“

Aus christlicher Überzeugung gegen Missstände kämpfen

Religion könne Kritik an Missständen üben und aus ihrem Selbstverständnis heraus können religiöse Menschen dagegen handeln. Als Beispiele nannte er das Wirken der heiligen Mutter Teresa in den Armenvierteln von Kalkutta oder die Bürgerrechtsbewegung des Pfarrers Martin Luther King, der Mitte des letzten Jahrhunderts für eine Gleichberechtigung von schwarzen Amerikanern kämpfte.

Öffentlich Christin sein kann Bewusstsein verändern

Ein öffentliches Auftreten von Christinnen im Hinblick auch auf gleiche Mitwirkungsmöglichkeiten von Frauen empfahl er deshalb ausdrücklich als Chance. Es hätte eine „doppelte Wirkung“. Einerseits könnten Christinnen innerhalb der Kirche Rollenbildern entgegentreten und andererseits nach außen auch dem Vorurteil begegnen, Christinnen seien Frauen, die sich freiwillig durch die Hierarchie in der Kirche unterdrücken ließen.

Christinnen sollen sich trauen und sagen, was sie denken

In der anschließenden Diskussion wurde schnell deutlich, dass Religion nach Auffassung vieler Delegierter nicht Privatsache ist, sondern öffentlich gelebt werden muss. Politik finde nicht nur in Berlin oder Straßburg statt, wie Monika Engels-Welter vom Dekanat Wesseling sagte. Sie berichtete, dass auch eigentlich christlich gesinnte Menschen aus Angst und Verunsicherung zum Beispiel angesichts von Flüchtlingen nicht immer wüssten, auf wessen Seite sie stehen müssten. „Trauen Sie sich und sagen Sie, was Sie denken! Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder äußern und uns nicht zurückziehen.“

Eine Frage der Gerechtigkeit und deshalb christliche Angelegenheit

Kornelia Fehndrich vom Stadtdekanat Düsseldorf nannte als Beispiel das Engagement der kfd für den Equal Pay Day: „Gleiche Bezahlung ist eine Frage der Gerechtigkeit und deswegen ist es eine christliche Angelegenheit, sich dafür einzusetzen“, sagte sie.

Fromm sein reicht nicht, politisch muss man sein

Fromm sein genügt also nicht, politisch muss man sein, wie es Breul anfangs in Anlehnung an Heinrich Bedford-Strohm, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland formuliert hatte. Für die kfd-Delegierten ist deshalb der Glaube die Richtschnur dafür „alles zu tun, um gegen die Ungerechtigkeit und das Elend dieser Welt mit den uns zur Verfügung stehenden Kräften anzukämpfen“ wie Kardinal Woelki zitiert wurde. Seine Fronleichnamspredigt von 2016 war ebenso wie das berühmt gewordene "Credo" der evangelischen Theologin Dorothee Sölle Grundlage für die weiteren Diskussionen. In diesem "Credo" heißt es in der 1. Strophe:

„ ... ich glaube an gott
der den widerspruch des lebendigen will
und die veränderung aller zustände
durch unsere arbeit
durch unsere politik ...“

Sabine Schleiden-Hecking
Fotos: Kathrin Becker