Vom Garten Mariens

Wie die Gärtnerin sich mit Gott verbindet und andere Erkenntnisse

Wer kennt nicht den Genuss, sich in einem Garten auf einer Bank niederzulassen und für eine Weile in die Schönheit dieses Ortes einzutauchen. Dabei müssen die Bänke nicht immer aus Holz sein, wie Goethe schon wusste. „Hab ein liebes Gärtlein vorm Thore an der Ilm … Da lass ich mir von den Vögeln was vorsingen, und zeichne Rasenbänke, die ich will anlegen lassen, damit Ruhe über meine Seele komme.“ (Goethe, 1776 in Weimar)


Wie man eine solche Rasenbank, von der Goethe hier schwärmte, erstellt, beschrieb der mittelalterliche Theologe und Philosoph Albertus Magnus (1193 – 1280), der auch in Köln lehrte, in einem seiner Bücher. Nach dieser Bauanleitung soll am Ende einer Rasenfläche ein Hochbeet angelegt werden, das entweder aus Ziegeln gemauert oder aus Brettern gezimmert werden soll. Wenn es dann mit Erde aufgefüllt ist, sollen links und rechts duftende Blumen oder Kräuter angepflanzt werden und für die Sitzfläche in der Mitte ein feiner Rasen angelegt werden.  Albertus Magnus war ein bekennender Rasenanhänger, so schreibt er in seiner Biblia Mariana: „Das Auge wird durch nichts so sehr ergötzt als durch feines, nicht zu langes Gras.“ Die Rasenbank war für ihn gleichsam Christus selbst, bei dem der Mensch innerlich zur Ruhe kommen kann. "Christus selbst ist das grüne Gras, das Maria, die fruchtbringende Erde, gebar.“ (Biblia Mariana) Von der Gartenbank aus ist sinnlich wahrnehmbar, dass alles im Garten eine Offenbarung Gottes ist.

Maria und der ‚hortus conclusus‘

Albertus Magnus widmete Maria und dem Garten gleich ein ganzes Kapitel seiner Schrift ‚De Laudibus Mariae‘ (Marienlob). Er beschreibt darin die Schönheit und Freuden eines Gartens, in dem sich Blumen, Düfte, Bäume und Vögel finden lassen. Maria wurde seinerzeit nicht nur von ihm mit dem Garten in Verbindung gebracht. In der höfischen Literatur der spätmittelalterlichen Kunst finden wir Maria sehr oft als junges Mädchen mit offenen Haaren wie eine reiche vornehme Dame gekleidet. Die Mariendarstellung wurde verwoben mit den höfischen Vorstellungen einer Dame und den Bildern aus dem Hohen Lied des Alten Testamentes. Maria im ‚hortus conclusus‘ (verschlossenen Garten) oder der ‚hortus conclusus‘ selbst symbolisierte ihre Jungfräulichkeit. Eine sehr bekannte künstlerische Darstellung ist das Paradiesgärtlein von einem unbekannten oberrheinischen Meister der Spätgotik.

Eine neue Art der religiösen Malerei

Der Garten Mariens war darüber hinaus ein neutestamentliches Gegenbild zum Garten der Schöpfung, der durch Eva befleckt wurde. Ab dem frühen 15. Jahrhundert wurde der ‚hortus conclusus‘ zu einer weit verbreiteten künstlerischen Mariendarstellung, die sich in ihrer Freundlichkeit von den damaligen strengen und richtenden künstlerischen Bildnissen Jesu Christi bzw. Gottes abgrenzte.

Jungfräulichkeit Mariens ein Symbol für Freiwerden

Meister Eckhart deutete die Jungfräulichkeit als ein frei und ledig werden für den Willen Gottes, im heutigen Sprachgebrauch würden wir es als ein Freiwerden von unserem egozentrischen Verhalten beschreiben. Es meint, auf Distanz gehen zu den eigenen Bedürfnissen, Hoffnungen und Erwartungen an das Leben und sich ganz frei machen für den Willen Gottes. Damit ist das Vertrauen verbunden, dass Gott es gnädig mit uns meint und wir uns seiner Liebe und Allmacht anvertrauen können.

Die Seele pflegen wie einen Garten

Der Dominikaner Meister Eckhart, ein hochangesehener spätmittelalterliche Theologe predigte einmal: „Notwendig muß es so sein, daß sie (d.i. Maria) eine ‚Jungfrau‘ war, jener Mensch, von dem Jesus empfangen ward. Jungfrau besagt so viel wie ein Mensch, der von allen fremden Bildern ledig ist, so ledig, wie er war, da er noch nicht war.“
Um ledig und frei zu werden von allen fremden Bildern in unserer Seele, müssen wir unsere Seele gleichsam kultivieren. Und das kann man besonders in einem Garten und bei der Gartenarbeit selbst, wie wir nun erfahren werden. 

Ruhe und Muße fürs Herz finden

In der Renaissance kam es zu einem sogenannten moralischen Gartendiskurs, der aus der Begeisterung für Gärten im Allgemeinen hervorging. Dieser wurde maßgeblich geprägt von dem Brüsseler Philosophen Justus Lipsius (1547 – 1606), der 1559 auch in Köln studierte. Ihn trieb die Frage um, wie der Mensch in den von zerstörerischen Kriegen heimgesuchten Zeiten moralisch standhaft bleiben kann. Er war auf der Suche nach Ruhe und Muße für sein Herz.

Ihr Sorgen bleibt draußen!

Und die fand er dann letztendlich im Laubengang eines Gartens, denn dort konnte er allen sklavischen Sorgen befehlen draußen zu bleiben. Sowohl die äußeren Stürme des Krieges, wie auch die inneren Stürme der Seele konnten hier zur Ruhe kommen. Dieses Bewusstsein, dass der Garten ein Ort ist, an dem unsere Seele zur Ruhe kommt und sich Gott zuwenden kann, ist im Verlauf der Zeit nicht verloren gegangen.

Gartenarbeit fördert den Charakter

Für die ein oder andere Gartenliebhaberin ist es aber nicht nur ein Bedürfnis, sich in einem Garten aufzuhalten, sondern für diesen auch Sorge zu tragen und ihn zu pflegen. Was mancher auch für charakterfördernd hält. So schreibt der englische Philosophieprofessor David Cooper 2006 in seinem Artikel über die ‚Tugenden des Gartens‘, dass die Gartenarbeit „wünschenswerte Charaktereigenschaften“ fördert. So kann die Schönheit eines Gartens Dankbarkeit in uns hervorrufen, für das Wertvolle in der Natur, das uns erhalten geblieben ist.  Und uns gleichzeitig dazu anregen daran mitzuwirken, dass die Natur nicht noch mehr durch Habgier und Eigennutz von den Menschen zerstört wird.

Im Gleichklang mit der Natur – meditatives Gärtnern

Die Gartenarbeit hat gleichsam einen segensreichen und tugendhaften Einfluss auf die Seele und führt zur innerlichen Ordnung und Sammlung. Wem die Gartenarbeit vertraut ist, wird das kennen. Ordnung ist kein Selbstzweck, sondern eine Tugend, denn die äußere Ordnung trägt dazu bei, das innere Chaos in der Seele zu strukturieren. Um Ordnung halten zu können, braucht es Rituale, die gleichmäßige Abläufe gewährleisten und das kann bei der Gartenarbeit eingeübt werden.

Es gibt eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit um Ernten

Im Garten kann man zudem jahreszeitlich beobachten und erfahren: „Alles hat seine Zeit“. Schon im Buch Kohelet des Alten Testamentes wird beschrieben, dass es „Eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ernten“ gibt. Die Natur gibt vor, was zu tun ist. Wenn die Ouvertüre des Pflanzens vorbei ist, gilt es sich in Geduld zu üben. Die Pflanzen brauchen Ruhe, um richtig gedeihen zu können. In der Geduld kann sich mitunter das Vertrauen auf Gott ausdrücken, dem seine Schöpfung am Herzen liegt.

Verantwortlich sein für die Zukunft der Natur

In den Pflanzen selbst ist ein geheimnisvoller innerer Code zum Reifen angelegt, sie werden irgendwann ihren Reifungsprozess vollenden. Sich verantwortlich zu fühlen für die Zukunft der Natur, indem wir uns um ihr Wachstum bemühen, das wurde einmal so formuliert: „Der wahre Sinn des Lebens besteht darin, Bäume zu pflanzen, unter deren Schatten man wahrscheinlich nie sitzen wird“ (Nelson Henderson).  Von den Pflanzen im Garten und der Natur können wir darüber hinaus lernen, uns einen heilsamen, geduldigen und verantwortlichen Lebensrhythmus anzueignen.

Im Gleichklang mit der Natur beten und arbeiten

Die Lehre Benedikts „Ora et labora“ (beten und arbeiten) lässt sich kaum anderswo auf schönere Art und Weise verwirklichen als in einem Garten. Der Garten lädt dazu ein, im Gleichklang mit der Natur zu beten und zu arbeiten.
Auch eine positive Ausstrahlung und Freundlichkeit anderen gegenüber kann man den Blumen im Garten abschauen. Die Natur öffnet sich ihrer Betrachterin in ihrer ganzen Schönheit und schenkt ihr ein Wohlbefinden, wir können es ihr gleichtun.

Beständig und Schritt für Schritt im Garten wie im Leben

Die Arbeit im Garten lehrt uns auch, Schritt für Schritt vorzugehen und nicht alles im Leben auf einmal bewältigen zu wollen. Das, was wir tun, sollten wir vielmehr gewissenhaft und mit ganzer Hingabe tun. Und darauf zu achten, das nichts wuchert und außer Kontrolle gerät, ist ebenfalls eine lehrreiche Lektion für das Leben, die man im Garten bekommen kann.Nur die beständige Arbeit im Garten ist eine Gewähr dafür, dass alles gut gedeihen kann und nicht verwildert. Wertvolles kann nur dann wachsen, wenn Gestrüpp, Dornen und Wildwuchs nicht im Wege sind.

Wie aus Mist edle Früchte werden

Dabei kann das Jäten und Entfernen von Grünabfällen im Garten mit einem seelischen Aufräumen verglichen werden. So kann es auch in unserem Leben Phasen geben, in denen wir mit sehr viel seelischem Abfall konfrontiert werden. Johannes Tauler (1300 – 1361), ein Dominikanermönch, der mit seinen mystischen Predigten sehr bekannt wurde, schrieb zum rechten Umgang mit unseren Unvollkommenheiten: „Dein Mist, das sind deine eigenen Mängel, die du nicht beseitigen, nicht überwinden noch ablegen kannst. Nun, genau die trage mit Mühe und Fleiß auf den Acker des liebreichen Willens Gottes in rechter Gelassenheit deiner selbst. Streue deinen Mist auf dieses Feld, daraus sprießt ohne allen Zweifel edle, wonnigliche Frucht auf.“

Ohne Bücken keine Pflanzen

Unser Stolz und Hochmut haben im Garten ebenfalls keinen Platz, man muss sich bücken können, um richtig für die Pflanzen sorgen zu können. Und nur das liebevolle und behutsame Umgehen mit den Pflanzen bewirkt, dass junge Triebe nicht abbrechen. Im Garten erfahren wir zudem, dass die Ausbeutung der Natur keinen Sinn macht, weil nichts mehr nachwächst. Die Beobachtung, wie aus einem kleinen Samenkorn eine wunderschöne Pflanze, ein Gemüse oder ein Getreide wird, lehrt uns das Staunen über die Natur und ihre Wunder.

Erdbeeren wie die Liebe und Dornen wie die Sünde

Die christliche Blumen- und Pflanzensymbolik hält dafür zusätzlich allerlei Anregungen bereit. So verdeckt ein Feigenblatt die Sünde so wie die Dornen ein Sinnbild für Sünde sind, die Erdbeere hingegen erzählt von Liebe, Ehe und Mutterschaft, das gegen Husten wirkende Heilkraut Hutlattich ist tatsächlich ein Mariensymbol. Bekannter ist die Lilie, die für Jungfräulichkeit und Unschuld steht und die Rose, die Königin der Blumen steht, symbolisiert ebenfalls Maria. 

Der Garten ist eine Schule fürs Leben

Es lässt sich festhalten, dass bei der Gartenarbeit nicht nur die Erde kultiviert wird, sondern auch der ganze Mensch. Der Garten kann für einen aufmerksamen Menschen zur Schule für ein aufmerksames und wertschätzendes Verhalten im Umgang mit sich selbst und anderen werden. Der Garten kann uns als Metapher für unser eigenes Leben dienen. Er erinnert uns in seiner Blütenpracht an einen geistlichen Aufbruch mit allen seinen seelischen Entfaltungsmöglichkeiten, die uns näher zu Gott führen. 

Meister Eckhard schenkt noch einen schönen Gedanken: „Gott ist der, der alles in allem wirkt, er ist der Ursprung und das Ziel. Er ist also Blüte als Ursprung, Frucht als Ziel. Es gehört im eigentlichen Sinne zum Göttlichen, dass in ihm Blüte und Frucht ein und dasselbe sind.“
Elisabeth Glotzbach

Foto Paradiesgärtlein: Von Oberrheinischer Meister - The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=155256