Unnachgiebige Caritas Pirckheimer

Die Reformation: Schicksalsjahre für die katholischen Klarissen in Nürnberg

Das 500. Reformationsjubiläum gibt Anlass dazu, darauf aufmerksam zu machen, dass nicht nur Männer an den Auseinandersetzungen um den rechten Glauben im 16. Jahrhundert beteiligt waren. Allgemein werden zwar besonders die Taten und Schriften der großen und bedeutenden Reformatoren wie Martin Luther, Philipp Melanchthon oder Johannes Calvin in den Vordergrund gestellt, doch waren auch Frauen im Großen und im Kleinen an den Vorgängen der Reformation beteiligt. In Nürnberg war es beispielsweise die Äbtissin Caritas Pirckheimer, die gemeinsam mit ihren Schwestern dafür kämpfte, dass das Kloster nicht aufgelöst wurde.


Die Klarissen erfuhren am eigenen Leib, welche Folgen Luthers Ablehnung von Frauenklöstern und dem Klosterleben im Allgemeinen nach sich zog. Ihnen wurden die franziskanischen Beichtväter entzogen, die Eucharistie durfte nicht mehr gefeiert werden und sie wurden wegen ihres Schweigens und Betens verspottet. Doch wie kam Caritas ins Kloster und wie sah der Alltag für die Nonnen vor den reformatorischen Umbrüchen im Kloster aus?

Schon mit zwölf ins Kloster, dafür aber lernen dürfen

Schon mit 12 Jahren (1479), in der Pfingstwoche des Jahres 1479, war Caritas ins Klarakloster in Nürnberg eingetreten. Zu dieser Zeit war es üblich, dass insbesondere Mädchen bereits im frühen Alter zur Erziehung und zum Unterricht in ein Kloster gingen, weil sich ihnen keine andere Möglichkeit der Bildung bot. Die Lateinschulen, die es in der Stadt Nürnberg gab, konnten nur von Patriziersöhnen besucht werden und Barbara, so der Taufname der Caritas, war klug und eifrig im Lernen.

Bereits mit 24 Jahren schon Äbtissin und das lebenslang

Sie legte mit etwa 16 Jahren ihre Ordensgelübde ab und wurde 1503 zur Äbtissin von sechzig Schwestern des Klosters ernannt, die sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1532 auch blieb. Aus den ersten Jahren ihres Klosterlebens ist nur wenig bekannt, da sie im Kloster vom Verkehr mit der Außenwelt abgeschlossen war. Ebenso wie ihr Bruder Willibald, der in Italien humanistische Studien betrieb und 1495 nach Nürnberg zurückkehrte, wurde sie im Kloster humanistisch gebildet.

Du bist mir teuer - Caritas und ihr Bruder Willibald

Es bestand eine innige Beziehung zwischen den beiden. In einem der Briefe, den Willibald an Caritas schrieb, und der in der umfassenden Darstellung von Anne Beezel, an der sich auch dieser Artikel orientiert, ist zu lesen: Nicht allein deshalb bist du mir teuer, geliebteste Caritas, weil du meine leibliche Schwester, von denselben Eltern entsprossen, durch das innige Band der Natur und des Blutes mit mir verbunden bist, sondern auch weil du neben deinem Lebensberuf den Studien dich hingibst und ein besonderes Verlangen nach den schönen Wissenschaften trägst. (Anne Bezzel, Caritas Pirckheimer. Äbtissin und Humanistin, S. 25)

Eine gut ausgestattete Bibliothek garantierte Bildung und Wissen

Von ihrem Bruder bekam Caritas auch zahlreiche Bücher und insbesondere Neuerscheinungen zugesandt. Die ohnehin sehr gut ausgestattete Bibliothek des Klosters wurde damit noch einmal mehr bereichert. Ebenso wie Caritas beherrschten auch die anderen Nonnen im Kloster die lateinische Sprache. Der Alltag vollzog sich vordergründig im Schweigen, außerhalb der regulären Gebetszeiten wurden die alten Kirchenväter und die Heilige Schrift fleißig studiert oder Handarbeiten in der Spinnstube erledigt.

Holzschnitte kolorieren, reden ohne Sichtkontakt und schlafen auf Spreu

Im Skriptorium des Klosters versahen die Nonnen Handschriften mit eigenen Federzeichnungen und kolorierten Holzschnitten. Für die Nachtruhe gab es nur einen großen Schlafsaal, in dem alle auf Säcken schliefen, die mit Spreu gefüllt waren. Besondere Schlafwäsche besaßen die Nonnen nicht, es wurde in den Kleidern geschlafen, die sie auch tagsüber trugen. Einen Kontakt zur Außenwelt konnten die Nonnen nur durch ein Redefenster aufnehmen, ohne dass ein Blickkontakt mit den Besuchern zustande kommen konnte.

Eine platonische Freundschaft – Caritas und Sixtus Tucher

Caritas pflegte nicht nur die innige Beziehung zu ihrem Bruder, es bestand auch eine innige geistliche Freundschaft zwischen Caritas und einem Priester. Sixtus Tucher war Probst von St. Lorenz und hatte 1478 einen Lehrstuhl für Kirchenrecht in Ingolstadt übernommen. Eine Anzahl von Briefen, die er an Caritas schrieb, sind erhalten geblieben. Aus ihnen geht hervor, welche Wertschätzung und Achtung Sixtus Tucher der gebildeten und klugen Nonne entgegenbrachte und dass zwischen beiden eine platonische Freundschaft bestand. Tucher selbst beschrieb sie als eine Freundschaft des Geistes und nicht des Fleisches. Er war davon überzeugt, dass es im Paradies zu der wahren Verwirklichung seiner Freundschaft mit Caritas kommen würde.  Er starb schon 1503, zu jener Zeit also, als Caritas zur Äbtissin ernannt wurde.  

Geistliche Führerin  und Finanzchefin: Aufgaben der Caritas als Äbtissin

Als Äbtissin übernahm Caritas die Verantwortung für alle Schwestern und für die finanziellen und materiellen Belange des Klosters. Mit Hilfe eines Klosterpflegers kommunizierte sie mit dem Rat der Stadt. Darüber hinaus war sie für den geistlichen und sittlichen Ruf des Klosters verantwortlich. Als Äbtissin musste sie die strenge Einhaltung der Ordensregel anhand eines wöchentlich abzuhaltenden Schuldkapitels, bei dem die einzelnen Verstöße der Schwestern gegen die Regel vor allen benannt wurden, garantieren

Sie führte das Kloster zur Blüte und alles hätte so weitergehen können

Caritas kümmerte sich auch um zahlreiche Baumaßnahmen, die von der Stadt unterstützt wurden, und veranlasste kunstfertige Abschriften und Illustrationen von geistlichen Texten in ihrem Skriptorium.  Das geistliche Leben des Klosters entfaltete sich bis zum Einbruch der Reformation zu seiner Blüte. Caritas scheint ihrer Berufung zur Äbtissin gerecht geworden zu sein. Und alles hätte so weitergehen können, wenn es nicht den sogenannten ‚Thesenanschlag‘ von Luther gegeben hätte, mit dem er die ohnehin schon unzufriedenen Massen in der Gesellschaft in Aufruhr brachte und damit ungewollt die Reformation in Gang setzte. Wie oben schon angedeutet, sollten auch die Klarissen im Klarakloster mit in den Strudel der Ereignisse hineingezogen werden.

Das Klarissenkloster in den Stürmen der Reformation

Zum Beginn der Reformation in Nürnberg war Caritas schon 20 Jahre Vorsteherin des Klosters und damit sehr erfahren in ihrem Amt. In den Jahren 1524 bis1528 wurde im Klarissenkloster eine handschriftliche Chronik verfasst, in der die reformatorischen Vorgänge, die das Kloster selbst angingen, sehr genau von Caritas und ihren Schwestern festgehalten wurden. Im Schicksalsjahr 1525 erscheint am 3. Februar beispielsweise die Witwe Ursula Tetzel und will ihre Tochter Margarete unverzüglich sprechen. Sie gibt sich nicht mit dem Redefenster zufrieden, sondern möchte ihre Tochter von Angesicht zu Angesicht zur Rede stellen und mit nach Hause nehmen.

Die Äbtissin stellt sich vor ihre Mitschwestern

Caritas ist in Sorge, dass Margarete von ihrer Mutter mit Gewalt aus dem Kloster gezerrt wird und lässt es nicht zu. Am Hostienfenster schließlich fordert die Mutter von ihrer Tochter, das Kloster für eine Weile zu verlassen, um dann zu entscheiden, ob sie weiterhin Nonne sein möchte. Wenn Margarete sich an diesem Tag auch noch der Mutter verweigern kann, werden vier Monate später, am 15. Juni, sie und zwei weitere Nonnen gegen ihren Willen von ihren Familien aus dem Klarakloster entfernt.

Rohe Gewalt an den Nonnen, die im Kloster bleiben wollen

Katharina Ebner wird beispielsweise von den Stufen des Altars herabgezerrt und von ihrer Mutter auf den Mund geschlagen, so dass sie heftig blutet. Letztendlich wurde Margarete und zwei ihrer Mitschwestern an diesem Tag mehr oder weniger gewaltsam von ihren Familien mit nach Haus genommen. 

Neue Prediger ziehen ins Klarissenkloster ein und die Sakramente werden verboten

Aber in der Zwischenzeit war noch vieles andere passiert, was die Nonnen in Angst und Schrecken versetzte. Im März hatte der Nürnberger Rat beschlossen, die Reformation einzuführen. So kam es, dass am 17. März den Franziskanern verboten worden war, länger in den Frauenklöstern zu predigen oder die Beichte zuhören. Stattdessen sollten künftig Prediger in die Klöster kommen, die der neuen Lehre Luthers anhingen. Und dies geschah ab diesem Tage auch im Klarissenkloster. Und nur wenige Tage später, am 21. März, empfingen die Nonnen zum letzten Mal die heilige Eucharistie. Die Sakramente wurden ihnen nun endgültig entzogen, was die Nonnen als eine lutherische Indoktrination empfanden.

Die Nonnen läuten mutig die Glocken und sie werden nachts deshalb überfallen

Ihren Mut, weiterhin die Glocken zu läuten und das Stundengebet einzuhalten, bezahlten sie mit nächtlichen Übergriffen durch aufgebrachte Bürger. Kirchenfenster gingen in den Nächten zu Bruch und die Schwestern wurden heftig beschimpft und verspottet. Als im Klarissenkloster bekannt wurde, dass in anderen Klöstern der Umgebung die Schwestern vertrieben worden waren, wurde die Furcht unter den Nonnen noch größer.

Verängstigt durch die Unruhen Zuflucht im Gebet suchen

Die Unruhen, was die Klöster angingen, waren auch für die Verantwortlichen der Stadt beängstigend. Im Gebetbuch des Klaraklosters finden sich viele Gebete, die in diesen harten Zeiten eine besondere Bedeutung bekommen haben müssen. Dies zeigt ein Gebetsvers aus der ‚Andacht zum Leiden Christi“: O Herr Jesus Christus, ich danke dir für die große Not und bitte dich, daß du mir durch diese Angst alle meine Sünden vergebest und mich vor das Zittern und Erbeben im strengen Urteil der ewigen Verdammnis behütest. (Aus dem Gebetbuch des St. Klara-Klosters, S. 88)

Von weltlicher Kleidung und Töchtern, die unter Zwang aus dem Kloster gehen

Der Rat entschied sich dafür, Caritas und ihren Nonnen ein Angebot zu machen. Am 7. Juni 1525 bekamen sie fünf neue Artikel bezüglich ihres Klosterlebens zur Anerkennung und Unterschrift vorgelegt. Danach sollten die Schwestern von ihren Gelübden entbunden werden und jede das Recht haben, das Kloster zu verlassen bzw. von ihren Familien abgeholt zu werden. Es sollte weltliche Kleidung getragen werden und das Redefenster durch ein Gesichtsfenster ersetzt werden. Darüber hinaus sollte ein Inventar mit allen Besitztümern des Klosters erstellt werden.

Selbstbestimmt entscheiden: Caritas will die Freiwilligkeit

Was die Kleiderfrage anging, hatte Caritas nur praktische Bedenken, doch was die Gelübde und die Entscheidung der Eltern anbelangte, ihre Töchter einfach aus dem Kloster zu holen, diese Forderungen wehrte Caritas entschieden ab. In diese ohnehin schon schwierige Situation gab es am 12. Juni Mitteilungen an den Konvent, dass zwei Töchter in der kommenden Woche von ihren Familien abgeholt würden. Es handelte sich dabei um die Nonnen Klara Nützel und Katharina Ebner, die ja schon im Februar von ihrer Mutter bedrängt worden war, das Kloster zu verlassen. Auch Margarete Tetzel wird durch einen von ihrer Familie beauftragten Boten am 14. Juni aufgefordert, sich für den nächsten Tag für das Verlassen des Klosters bereit zu machen.

Mein Wille ist es nicht! Heilige Mutter Gottes!

An diesem besagten nächsten Tag, dem 15. Juni 1525, weigerte Caritas sich die mit weltlichen Kleidern und schlichter Haube bekleideten Nonnen von ihren Gelübden zu befreien. Und so wurden alle drei Mädchen ungewollt von ihren Familien aus dem Klosterleben herausgerissen. Anne Bezzel schildert in ihrem lesenswerten Roman über die damaligen Ereignisse im Klarakloster diese Szenen sehr anschaulich. So hatte Bruder Willibald Pirckheimer gerade das Kloster noch erreicht, als die drei Nonnen von ihren Familien mitgenommen wurden. Was er dort genau sah und empfand, wird in dem Roman auf Seite 189 so beschrieben: Nun wurde Clara Nützel auf einen der Wagen gehoben. Ihr zerrissener, von Blut und Schmutz bedeckter weißer Rock leuchtete im Schein der Fackeln. Konnte sie ihn inmitten all der Menschen erkennen? Ihm war, als suchten ihre Augen die seinen, als gälte ihr Ruf ihm: „Helft uns doch! Mein Wille ist es nicht! Heilige Mutter Gottes!

Er war unfähig, sich zu rühren. Zugleich bemerkte er, wie eine Veränderung durch die Menge ging. Der dichte Ring der gedungenen Landsknechte schien unmerklich zurückzuweichen, als zögerten sie, ihren Auftrag auszuführen. Die Gesichter der Schaulustigen um ihn herum begannen sich zu verändern. Aber was es wirklich Mitleid, das an die Stelle der Lust trat? Vielleicht war nur Erstaunen und Verwirrung, dass das Schauspiel so anders vonstatten ging als erwartet. Das Johlen und Schreien verstummte allmählich.

Caritas Pirckheimer und die weiteren Nonnen erfuhren danach später nur noch wenig über das weitere Geschick dieser jungen Frauen.

Der Besuch Philipp Melanchthons und seine Folgen für das Klarissenkloster

In den folgenden Wochen und Monaten kam es zu weiteren Auseinandersetzungen zwischen Caritas und den durch den Rat der Stadt beauftragten Geistlichen. Caritas wehrte sich entschieden gegen Einmischungen in geistlichen Fragen und beharrte auf die im Kloster abgelegten Gelübde vor Gott. Eine Wende sollte es erst im November 1525 geben. Da kam es nämlich zu einem Gespräch zwischen Caritas Pirckheimer und Philipp Melanchthon. Dieser war wegen der Einrichtung einer Oberschule in Nürnberg vor Ort und von dem Klosterpfleger Kaspar Nützel um Unterstützung bei den Auseinandersetzungen mit den Klarissen gebeten worden.

Die Lage entspannt sich durch die Fürsprache von Melanchton

Bei dem Gespräch zwischen Philipp Melanchthon und Caritas Pirckheimer, das im November 1525 in der Beichtstube des Klaraklosters stattfand, stellte sich heraus, dass die Glaubensüberzeugungen von Caritas Pirckheimer sich kaum von denen Melanchthons unterschieden. Er hatte ein offenes Ohr und zeigte viel Sympathie für die Anliegen der Nonnen im Kloster, wie sie von Caritas vorgebracht wurden. Beide schienen beeindruckt voneinander zu sein.  Ein Streitpunkt zwischen dem 28-jährigen Professor aus Wittenberg und der 58-jährigen Äbtissin waren allerdings die Ordensgelübde, auf denen Caritas beharrte. Melanchthon verließ das Kloster dennoch in aller Freundschaft und Caritas schaute später mit großer Dankbarkeit auf das Gespräch zurück.   

Der Besuch hatte spürbar positive Folgen für die Klarissen, denn man ließ sie fortan in Ruhe und der Rat der Stadt erlaubte den Nonnen ihr Klosterleben fortzusetzen. Da allerdings keine neuen Frauen mehr in die Gemeinschaft aufgenommen werden durften, starb das Kloster 1591 aus.
Elisabeth Glotzbach

Foto: Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus/Nürnberg
Der kfd-Diözesanverband bedankt sich herzlich für das freundliche Überlassen des Fotos, das ein Relief mit den wesentlichen Lebensstationen der Caritas Pirckheimer zeigt und auf dem Gelände des ehemaligen Klarissenklosters in Nürnberg steht

 

Literatur zum Weiterlesen

  • Anne Bezzel, Caritas Pirckheimer. Äbtissin und Humanistin, Regensburg 2016, Verlag Friedrich Pustet 12,95 €
  • Anne Bezzel, Jenseits der Mauern die Freiheit. Historischer Roman, Weimar 2013, Wartburg Verlag 12,90 €
  • Gebetbuch aus dem St. Klara-Kloster, Nürnberg zur Zeit der Äbtissin Caritas Pirckheimer 1467 – 1532, Hg. G. Deichstetter, St. Ottilien 1984
  • Michael Kleinhans, Der Glaube in den Schriften der Äbtissin Caritas Pirckheimer. Lena vivida – Lebendige Quelle. Text zu Klara von Assisi und ihrer Bewegung, Münster 2015, Books on Demand GmbH Norderstedt, 9,00 €