Die Wüstenmütter

Eine selbstbewusste asketische Frauenbewegung im Frühchristentum

Wir machen eine Zeitreise in das vierte bis fünfte Jahrhundert nach Christus, um Frauen zu begegnen, die sich in die Wüsten von Ägypten, Syrien und Palästina zurückzogen, um ein strenges asketisches Leben zu führen. Die Wüste war den so genannten Wüstenmüttern ein Ort der inneren Einkehr, der Gottesnähe und des immerwährenden Gebetes. Sie ließen sich vornehmlich in der Sketischen Wüste, der Nitria und der Kellia nieder, aber auch in der Thebais und den Wüsten Syriens und Palästinas. Dort lebten sie in Höhlen oder Hütten, die sie als Kellion (Zelle) bezeichneten. Ihre Kleidung war ärmlich und wurde oft aus Fellen gemacht. 


Die Nahrung wurde von ihnen selbst angebaut. In ihrer Zelle, dem  Kellion, flochten sie zudem Seile, Matten und Körbe, die sie auf den Märkten verkauften. Bei diesen monotonen Arbeiten meditierten die Wüstenmütter stundenlang Verse aus der Heiligen Schrift, die sie auswendig gelernt hatten. Das Ziel war es dabei, dass der Geist möglichst gesammelt bleibt. Wir werden hier mit der frühesten Gestalt des christlichen Mönchtums konfrontiert, in der es das Stundengebet in seiner konkreten Form noch nicht gab.

Auslöser für den Aufbruch in die Wüste  

Die damalige Idee, sich von dem gesicherten Leben in Familie und Gesellschaft zu lösen, stammte von Antonius dem Großen (251 – 356). Bei einem Gottesdienstbesuch hörte er das Evangelium vom reichen Mann (Mt 19,21) und fühlte sich unmittelbar dazu berufen, alles was er hatte abzugeben, um in die Wüste zu ziehen.
Wenn du vollkommen sein willst, geh,
verkauf deinen Besitz und gibt ihn den Armen;

und du wirst einen Schatz im Himmel haben;
und komm, folge mir nach! (Mt 19,21)

In die Wüste zu gehen war eigentlich nichts Neues. Schon die Propheten des Alten Testamentes zogen sich immer wieder in die Einsamkeit der judäischen Wüste zurück, um sich neu auszurichten. In der Einsamkeit wollten sie Gott begegnen und ihr Leben neu ordnen. Außer Antonius verließen damals viele Männer und Frauen ihre Familien und Gemeinden und zogen in den lebensfeindlichen Raum der Wüste. Ebenso wie die frühen Apostel ließen sie alles stehen und liegen und folgten dem Ruf Jesu Christi.

Eine erste asketische Frauenbewegung entsteht

Jene Frauen, die sich diesem christlichen Lebensideal anschlossen, besaßen einen starken Willen und ein kluges Gespür im Umgang mit anderen Menschen. Nur so konnten sie sich in der von Männern dominierten Umwelt der Wüste durchsetzen. Eine Wüstenmutter wurde auch als ‚Amma‘ bezeichnet. Man erkannte in ihr eine geistliche Hebamme, die Andere dabei unterstützen konnte, ein neues Leben im Geiste Jesu Christi zu führen. Heute würden wir sie als Geistliche Begleiterin bezeichnen. In Überlieferungen wird davon berichtet, dass es sich um bis zu 3000 Frauen gehandelt haben könnte, die sich  dieser frühchristlichen  Frauenbewegung anschlossen.

Sie mussten sich vom herkömmlichen Ideal befreien

Dabei brauchte es für die Frauen ungeahnte Energien, um sich aus dem herkömmlichen Ideal eines Frauenlebens zu befreien und eigene Wege zu gehen. Ein Leben im Kloster, wie es für Frauen im Mittelalter selbstverständlich wurde, entstand ja erst aus dieser Bewegung heraus. Und ein Singleleben als Frau, wie es heute selbstverständlich geworden ist, gab es zur damaligen Zeit ebenso wenig.  Die Situation von Frauen in der Spätantike wird von der Amma Synkletika, die aus einer reichen Familie gestammt haben soll, in ihrer Vita wie folgt beschrieben:
Gerade Frauen erfahren im Allgemeinen in dieser Welt mehr Feindseligkeit. Sie gebären Kinder in Schmerzen und Gefahren, sie leiden geduldig, wenn sie die Kinder stillen, sie teilen die Krankheiten mit ihren Kindern … die Mühe nimmt kein Ende. Denn entweder sind die Kinder, die sie geboren haben, am Körper verkrüppelt, oder sie wachsen in Bosheit heran und bringen ihre Eltern heimtückisch ums Leben … Wenn Frauen gebären, sterben sie vor Schmerz, doch wenn sie keine Kinder bekommen, wirft man ihnen Unfruchtbarkeit und Kinderlosigkeit vor, was sie vor Gram zugrunde gehen lässt. (Vita 42)

Die Wüste als Kampfort

Mit dem Auszug in die Wüste konnten die Frauen also eine ganz neue Lebensform für sich in Anspruch nehmen. Hier lebten sie als Einsiedlerinnen oder in einer kleinen Kolonie mit  anderen Frauen. Nicht selten trugen Frauen Männerkleidung, um von den Männern als Frau nicht erkannt zu werden. Für die Männer stellte die Frau gerade in der Wüste eine Gefahr wegen ihres Geschlechts dar. Deshalb erwarteten sie von den Frauen, dass sie ihnen aus dem Weg gehen. Im äußeren Kampf um ihren Lebensunterhalt in der kargen Lebenswelt und dem inneren Kampf mit den dämonischen Lastern um die Vervollkommnung ihrer Seele standen die heroischen Wüstenmütter den Wüstenvätern in nichts nach. Diese ersten frühchristlichen Vertreterinnen, die um eine Gleichstellung der Frau in einer von Männern dominierten Lebensumwelt rangen, gerieten im lateinisch-römischen Westen im Verlauf der Zeit in Vergessenheit, wir wollen sie uns in Erinnerung rufen.

Sie waren als geistliche Ratgeberinnen gefragt

Bekannt wurden die Wüstenväter und Wüstenmütter durch ihre Weisheitssprüche, die sie Ratsuchenden mit auf den Weg gaben. Pilgerreisen, wie sie heute wieder sehr beliebt sind, gab es also schon zur damaligen Zeit. Zahlreiche Römer und Griechen machten sich auf den Weg in die Wüste, um von den heiligen Männern und Frauen in geistlichen Fragen unterrichtet zu werden. Die Weisheitssprüche, die diese Pilger erhielten, wurden zunächst mündlich überliefert. Später hat man sie gesammelt und aufgeschrieben. Die Aussprüche der geistlichen Mütter und auch spärliche biographische Hinweise über sie findet man im sogenannten Meterikon. Dort sind auch Unterweisungen und Sprüche festgehalten worden, die die Wüstenmütter von verschiedenen Wüstenvätern empfangen haben.

Die Weisheitssprüche der Wüstenmütter - Wegweiser zur Vollkommenheit

Zu den Wüstenmüttern, deren Weisheitssprüche überliefert wurden, gehören beispielsweise auch die heilige Sarra, die heilige Melania oder die heilige Theodora. Von ihr wird berichtet, dass sie ihren Mann verließ, um ein monastisches Leben zu führen. Sie verkleidete sich als Mann und flüchtete in eine Wüstenväterkolonie am Nil. Es soll um die Zeit des Erzbischofs Theophilos von Alexandrien gewesen sein, der im Jahr 412 n. Chr. gestorben ist. Theodora lebte dort der Überlieferung nach 80 Jahre. In der Unterweisung des Mönchs Jesaja an die hochverehrte Nonne Theodora, gibt Jesaja ihr folgenden Rat, wie sie ihr Leben ausrichten soll:
„Der Schwerpunkt deines Lebens aber, meine Herrin und Schwester, sei, daß du das Böse aus deinem Herzen mit Stumpf und Stiel ausrotten solltest, durch das Sterben für die Welt, durch vielerlei Mäßigung, Geduld, Ausharren im Schweigen, echte Demut, ununterbrochenes Gebet (bei Tag und Nacht) und durch die Liebe zu Gott (vgl. 1 Thess 5,17; Röm 8,26).“ (Meterikon, S. 28)

Rat für die Mönche

Bei den Weisheitssprüchen, die von der Amma Theodora überliefert sind, fällt auf, dass sie einige ihrer Sprüche an Mönche richtet. Der Grund dafür mag sein, dass sie sich selbst als Frau in Männerkleidung versteckte, um unerkannt zu bleiben, und mit Wüstenvätern regelmäßig in Kontakt stand. 
Die heilige Theodora sagte: „Liebe das Schweigen mehr als das Gespräch, denn das Schweigen ist die Schatzkammer der Mönche, das Gespräch hingegen vergeudet diesen Reichtum.“ (Meterikon, Spruch 16, S. 48) Oder: „Der Mönch braucht das Fasten, wie ein Pferd das Zaumzeug. Wer das Fasten verlässt, wird wie ein lüsternes Pferd in seinem Stall.“ (Meterikon, Spruch 28, S. 50) Mehr Weisheiten der heiligen Theodora lesen Sie im Dokument zum Download.

In der Stille beruhigt sich der Geist

Amma Theodora fordert in vielen ihrer Sprüche zum Schweigen in der Einsamkeit auf. In der Stille der Einsamkeit soll der Geist gesammelt und beruhigt werden. Eine innerliche Ausrichtung auf Gott ist ihrer Ansicht nach nur in der Abgeschiedenheit des Geistes möglich und bedarf einer langen Übung. Insofern ist sie ausgesprochen modern, wenn wir bedenken, wie zahlreich und vielfältig die Angebote an Schweigeexerzitien und Meditationen in Klöstern und Bildungshäusern heutzutage sind und auch in Anspruch genommen werden.
Elisabeth Glotzbach

Zum Weiterlesen

  • K. Ceming: Ab in die Wüste! Mut zur Selbsterkenntnis – den Wüstenvätern abgeschaut, Kösel-Verlag , München 2013, 16,99 Euro.
  • J. Chittister: Das Leben beginnt in dir. Weisheitsgeschichten aus der Wüste, Herder-Verlag,  Freiburg – Basel  2015, 8,99 Euro.
  • G. Ziegler: Die Wüstenmütter. Weise Frauen des frühen Christentums, Camino, Stuttgart 22016, 18,00 Euro.
  • A. A. Thiermeyer / P. M. Baguin (Hg.): Meterikon. Die Weisheit der Wüstenmütter, Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2004, 16,90 Euro.

Fotos
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